16.11.17

Strom vom Drachen

Kategorie: Nachrichten, Archiv

Der Lenkdrachen gewinnt an Höhe und beginnt durch die Bewegung, Strom zu produzieren. (Foto:egeb)

Windenergie einmal anders genutzt / egeb: Wirtschaftsförderung unterstützt „SkySails Group GmbH“ in Dithmarschen / Zweijährige Praxistests bis zur Marktreife

Reinsbüttel/Hamburg, 16.11.2017 – Als bunte Objekte am Himmel faszinieren Lenkdrachen immer wieder die Menschen in windreichen Regionen. Und wer die Lenkseile eines solchen Drachens schon einmal in Händen hatte, weiß welche Kraft nötig ist, um sie bei starkem Wind unter Kontrolle zu behalten. Die Energie, die dabei entsteht, wollen die Entwickler der SkySails Group GmbH jetzt nutzen, um Strom zu erzeugen. Geschäftsführer Stephan Wrage und sein Team stellten ihr Projekt, das in zwei Jahren zur Marktreife geführt werden soll, in Reinsbüttel Vertretern der Gemeinde, des Kreises und anderen Interessierten vor. Denn in der Gemeinde soll die Technik immer einmal wieder erprobt werden, sofern die Gemeindevertretung dem Vorhaben zustimmt und auch andere Behörden wie zum Beispiel die Flugsicherung ihr O.K. geben.

Die Gemeinde unweit der Nordsee bietet die idealen Voraussetzungen, um das System unter realen Bedingungen zu testen. Bei der Auswahl des Standorts half die egeb: Wirtschaftsförderung. „Wir haben verschiedene Parameter bei der Standortauswahl durchleuchtet und mit den zuständigen Behörden des Kreises und der Ämter gesprochen. Dabei ging es letztendlich auch um Auflagen und Genehmigungen. Zu guter Letzt sind wir hier fündig geworden“, berichtet Wirtschaftsförderer Jörg Peter Neumann. Er sieht ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial, da sich Dithmarschen auch für die Produktion des Produktes anbiete. Die Anlagen sollen nämlich unter anderem auf schwimmenden, ankernden Plattformen offshore installiert werden. Und da sie an Land gewartet werden müssen, sollten auch die Produktionsstätten in der Nähe eines Hafens wie zum Beispiel Büsum er-richtet werden.

Das gesamte neue System besteht aus einem Drachen, langen Seilen, einem Steuergerät und eine Winde. Darüber hinaus ist ein Startmast nötig, an dem sich der Drachen selbstständig entfalten, aufsteigen und in Aktion treten kann. Aktuell findet das gesamte Zubehör noch Platz auf einem größeren PKW-Anhänger. Später in der Serienproduktion sollen die Anlagen mit meh-reren hundert Quadratmeter großen Drachen an 800 Meter langen Seilen eine Leistung von über 5 Megawatt erbringen. Zur maximalen Kraftent-faltung fliegt der Drachen dazu gut 800 Meter breite und 100 Meter hohe Achten im Windfenster, wie der vor dem Drachen gelegene Bereich heißt.

Die Zugkraft des Drachens wird mittels eines Generators in Strom umgewandelt, mit dem sich Batterien laden oder via Elektrolyse Wasserstoff und Sauerstoff gewinnen lassen – zum Beispiel für den Einsatz von Brennstoffzellen. Auch ins Stromnetz ließe sich die so gewonnene Energie einspeisen.

Doch was der Mensch intuitiv ausgleicht, nämlich Fallwinde, Böen und andere Unregelmäßigkeiten, lässt sich maschinell nur durch ausgefeilte Steuerungstechnik kompensieren. Am Ende soll alles voll automatisch ablaufen. In der zweijährigen Erprobungsphase soll der Testdrachen ein bis fünfmal im Monat am Himmel stehen, und zwar nur tagsüber und nur werktags, wie Stephan Wage versichert. Ideale Einsatzorte für das „SkySails Kraftwerk“ sieht Wage offshore oder in allen entlegenen und zugleich windigen Regionen der Erde, wie beispielsweise den kleinen Orten im Norden Kanadas oder den Dörfern an der westafrikanischen Atlantikküste.

Jörg Peter Neumann indessen kann sich auch Einsätze an der Westküste vorstellen: „Allein durch die E-Mobilität wird eine deutlich erhöhte Stromproduktion notwendig. Und da die Akzeptanz für die Onshore-Produktion von Windstrom an ihre Grenzen stößt, könnte die Realisierung einer Offshore-Stromproduktion zur Lösung diverser Probleme beitragen.“

Für die SkySails Group ist das Thema nicht komplett neu. Bereits seit Jahren vermarktet das Unternehmen erfolgreich Zugdrachen für Frachtschiffe und Yachten. Dabei unterstützt ein 400m² großer Drachen mit seinem gewaltigen Zug die Maschine und hilft große Mengen Schweröl und klimaschädliches Kohlendioxid einzusparen.